Technikgebäude auf dem Goldstein - Jugendstil
 
Orginalzeichnung

Orginalzeichnung von Wilhelm Jost - links die Maschinenzentrale mit Fernheizwerk, rechts die Dampfwaschanstalt  1 / S. 88, 4 / S. 151

 

Die damals vorgefundene Situation war sehr problematisch. Die alten Salinengebäude mit ihrem hohen Kohleverbrauch befanden sich unmittelbar neben der Post, das laute und stinkende Elektrizitätswerk im Kurpark, jedes der kleinen Badehäuser hatte Kesselhaus und Schornstein. Russ und Abgase begleiteten die Kurgäste.

In der Jugendstilzeit nun wurden alle Technikgebäude aus dem Aufenthaltsbereich der Kurgäste entfernt und hinter der Bahnlinie zusammengefaßt. Diese Anlagen der Jugendstilzeit standen an der Spitze der technischen Entwicklung. Sie warben für Bad Nauheims Image als moderne Stadt. "Wer einmal diese Gebäude auf der Fahrt Frankfurt-Giessen vom Zug aus gesehen hat, wird diese charakteristischen Zeitbilder im Gedächtnis behalten" so urteilte anerkennend die Zeitschrift Industriebau (1910). Man war stolz auf diese technischen Errungenschaften. Deshalb wurden die Technikgebäude nicht versteckt sondern den ankommenden Gästen gegenüber dem Bahnhof  präsentiert.

Das Bad Nauheimer Jugendstil-Projekt wurde in einer Zeit konzipiert als man den Jugendstil als elitär bezeichnete, nur für wenige Reiche erschwinglich. Durch die Badeanlagen wie auch durch die technischen Gebäude wurde demonstriert, dass der Jugendstil wirklich alle Lebensbereiche durchdringt und Menschen aller Gesellschaftsschichten davon profitierten - von den adligen Kurgästen bis zur kleinen Waschfrau. So waren auch die Arbeitsabläufe wohl durchdacht und boten - soweit wie möglich - helle und gesunde Arbeitsplätze. 

 

Maschinenzentrale - Elektrizitätswerk, Eisfabrik und Fernheizwerk

Dampfwäscherei

Salinengebäude

Der Goldsteinturm mit Wasserhochbehälter

Maschinenzentrale - Elektrizitätswerk, Eisfabrik und Fernheizwerk   

 

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Hier wurde die gesamte Kraft-, Licht und Wärme der Stadt erzeugt.  Das multifunktionale Gebäude wurde 1905-1906 errichtet. Es ist reich gegliedert und zeigt gestalterische Vielfalt der Formen und Materialien. Entgegen der damaligen Gepflogenheiten wollten Jost und seine Mitarbeiter die technische Nutzung nicht verbergen, sondern eine angemessene äußere Form dafür finden. Wie im Jugendstil üblich wurde auch hier viel Sorgfalt auf die Gestaltung verwendet.
Das große Kesselhaus liegt auf der Nordwestseite und hat eine großflächige Verglasung. Es gibt vier markante "Entlüftungsdachreiter" aus Kupfer. In diesem Gebäudeteil wurde und wird Energie gewonnen, auch für die Fernheizanlage.
Die kleine Eisfabrik zu Kühlzwecken wurde auf der Südwestseite vorgelagert. Sie ist von dickem Basaltmauerwerk geprägt.
Ein holzverkleideter Teil im Südosten wirkt wohnlich und enthält tatsächlich auch eine Dienstwohnung sowie Werkstätten.
Auf der Nordostseite befindet sich das Elektrizitätswerk. Der Giebel zeigt auf seiner Außenseite ein Schmuckmotiv aus blauglasierten Ziegeln in sauberem Putz. 
Im Maschinensaal wurde im Hinblick auf  Besichtigungen im Bereich der Schalttafel sogar weißer Marmor und farbiges Glas verwendet.
 

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Der Maschinensaal vor 100 Jahren

 
Der Schornstein ist hoch und besitzt eine auffallende Form, die schon viele Kunsthistoriker und Ingenieure zum Schreiben angeregt hat. Hier sei nur darauf aufmerksam gemacht, dass dieser Schornstein sowohl von der Aussichtsplattform des Sprudels wie auch von der Aussichtsterrasse des Kurhauses sehr gut sichtbar ist.

Das Elektrizitätswerk ging 1906 in Betrieb. Nicht nur das Kurhaus konnte nun mit Strom versorgt werden sondern auch die Bad Nauheimer Wohnungen und die umliegenden Gemeinden.  
Das Dampfheizwerk versorgt auch heute zahlreiche Bad Nauheimer Gebäude, darunter auch Neubauten. Es gehört heute der EON. Ein unterirdischer Gang bringt heute wie vor 100 Jahren den heißen Dampf zum Sprudelhof. Den weiteren Verlauf des verzweigten unterirdischen Rohrnetzes kann man an Wintertagen in den Grünanlagen sehen, wenn hier der Schnee zuerst taut.

 

Dampfwäscherei

 

Von 1908 an wurden hier Berge von Wäsche gewaschen. In den Badehäusern wurden pro Tag bis zu 3.500 Wannenbäder abgegeben, jeweils mit großem Badetuch, Handtuch, Bodentuch und Wannentuch.
Auch Hotelwäsche wurde hier bis in die 80iger Jahre gewaschen.

Dampfwäscherei und Maschinenzentrale besitzen jeweils vier Dachreiter (Entlüftungen). Die Dampfwäscherei ist weiß verputzt und zeigt so die innere Sauberkeit auch außen. Die Machinenzentrale mit ihren Kohlekesseln wurde passenderweise aus schwarzem, vulkanischem Basalt erbaut.

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Im Erdgeschoss der Dampfwäscherei befand sich der Waschsaal, in dem Männer arbeiteten. Zahlreiche Waschmaschinen waren hier aufgestellt. Sie ersetzten damals schon die Waschbretter, die in vielen Familien noch bis in die 50iger Jahre benutzt wurden. Außerdem gab es Zentrifungen zum Schleudern der Wäsche. Im ersten Stock war der Mangelsaal der Frauen mit großen Mangelgeräten. Auch ein Desinfektionsgebäude für die Wäsche wurde erbaut, über einen Gang erreichbar. Dahinter befand sich eine Fläche zum Bleichen der Wäsche in der Sonne. Interessant sind auch die Außendekoration des Gebäudes und wiederum vier kupferne Dampfabzüge auf dem Dach. Das Motiv des Kesselhauses wurde hier nochmals aufgegriffen, jedoch stärker ausgeschmückt. Auch an verschiedenen anderen Stellen dieses Gebäudes befinden sich Ornamente im Jugendstil.

 
 

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2 / S. 134-137 - Staatsarchiv Darmstadt

 

An der Konzeption der Dampfwäscherei war auch Prof. Karl Hofmann, Darmstadt beteiligt. Hofmann hatte als Geheimer Oberbaurat die künstlerische Oberleitung aller Hochbauten im Großherzogtum und genoß das volle Vertrauen von Großherzog Ernst Ludwig. So schuf er in Darmstadt das Mausoleum der Großherzoglichen Familie. In Bad Nauheim plante er u.a. die Brunnenanlage des Alicenplatzes und gemeinsam mit seinem Bruder die Dankeskirche. Als Graue Eminenz war er von großem Einfluß. Jost schätzte ihn sehr.

 

Salinengebäude

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Die Salinengebäude entstanden 1909 / 1910 um die Salzgewinnung rentabler zu gestalten. Die Fachzeitschrift Industriebau schrieb, diese Gebäude  zeigen eindringlich "dass technische Bauwerke neben reinster Zweckmäßigkeit ein hohes Maß an Schönheit besitzen können, und zwar ohne allen architektonischen Zierrat".  Im vorderen Teil befand sich der Siederaum mit drei Kochsalzpfannen und einer Mutterlaugenpfanne, jede mit eigener Feuerung, Dunstabzugshaube und Kamin. Alle Kochsalzpfannen hatten eine Größe von 90 qm. Die Mutterlaugenpfanne war etwas kleiner. Die benötigte Kohle wurde über ein eigenes Gleis per Bahn antransportiert.
Für die Salzproduktion waren vier Arbeitsphasen erforderlich:
- Die von den Gradierwerken ankommende Salzlauge wurde zunächst durch die Abwärme des Heizwerks von
  18 % auf 26 % Salzgehalt angereichert.
- Dann wurde diese Salzlauge mehrere Stunden lang mit starkem Feuer gekocht bis das Salz anfing zu
  kristallisieren.  
- In einer weiteren Arbeitsphase wurde nur auf etwa 70 Grad geheizt, um die Menge an Salzkristallen
  zu vergrößern. 
- Das noch im Salz vorhandene Restwasser wurde mit Hilfe von Zentrifugen herausgeschleudert, 
-  das fertige Salz mit Förderanlagen in die Lagerräume transportiert. Es mußte nicht mehr getragen werden.

Im hinteren Salinengebäude befanden sich Kochsalzspeicher, Badesalzspeicher und Viehsalzspeicher. Badesalz und Mutterlauge, von bräunlicher Farbe und mit einer Vielzahl gelöster Mineralstoffe, wurden in alle Welt verschickt.
In einem separaten Gebäude waren die Räume für die Steuerbeamten und ein Labor untergebracht. Darüber fand auch das kurfürstliche Glöckchen aus den alten Salinenanlagen eine neue Bleibe. Jost schätzte die Ästhetik der alten Salinengebäude sehr und übernahm, insbesondere bei diesem Glockengebäude, alte Formen.
 
Ziegelsteine und und Eisen hätten dem hohen Salzgehalt der Luft nicht widerstanden.
Als Baumaterialen wurden deshalb Taunusquarzit und Holz verwendet, für das Gebälk sogar australisches Hartholz. 

 

Dank dieser wohldurchdachten Salinenanlage konnte in Bad Nauheim bis 1959 Salz gewonnen werden, trotz dem mit ca. 3 % sehr niedrigen Salzgehalt des Nauheimer Solewassers und trotz starker Konkurrenz durch Bergwerkssalz. Die Tradition des Söderhandwerks endete.

 

Siedespeisesalz     

siehe dazu auch die Ausstellung  Mehrsalz  (Museumsprojekt in der Saline)

 

Der Goldsteinturm mit Wasserhochbehälter

Der Goldsteinturm wurde 1907 fertiggestellt, in dem gleichen Jahr wie die Fernwasserleitung  aus dem Vogelsberg: Lauterbacher Tal - Bad Nauheim. Diese "Gruppenwasserleitung" war 38 km lang und versorgte alle kurstädtischen Privathaushalte mit fließend Wasser, auch 30 Landgemeinden. Anderswo mußte noch bis in die 50iger Jahre hinein das Wasser vom Brunnen geholt werden.

Der Goldsteinhügel hat eine lange Geschichte.
Wahrscheinlich haben Metallfunde aus keltischen Grabanlagen dem Hügel seinen Namen gegeben. Bei den Kelten waren reiche Grabbeigaben üblich, insbesondere Waffen und Schmuck.
Auch die Römer machten hier Quartier.
Später wurde Schwarzdorn angebaut, für die Füllung der Gradierbauten.
In der Jugendstilzeit entstand eine zentrale Wege- und Sichtachse, vom Goldsteinturm Richtung Johannisberg. Die Erschließung des Geländes erfolgte von nun an durch spiegelsymmetrische, geschwungene Wege.
Heute ist der traditionelle Wegeverlauf von linearen Betonwegen überlagert.

 

Quellen:
1 / Denkmaltopographie der Bundesrepublik Deutschland, Kulturdenkmäler in Hessen, Wetterau II  (1999);  Heinz Wionski, Hrsg.: Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Wiesbaden
2 / Hamm, Sara und Kübler, Sabine (2007); Bauen für ein neues Leben, Hrsg.: Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Wiesbaden, ISBN 978-3-8062-2161-9
3 / Jost, Wilhelm 1909 (Nr. 21) und 1911 (Nr. 101), Die Neuanlagen in Bad Nauheim, Zentralblatt der Bauverwaltung
4 / Spranger, Britta (1982): Jugendstil in Bad Nauheim, Diss. Univ. Mainz
5 / Scharf, Roland (2007); Die Saline Nauheim, Hrsg.: Mag. der Stadt Bad Nauheim
6 / Uslular-Thiele, Christina (2010); Zur Architektur der Salinengebäude, In: Mehrsalz Ausstellungskatalog, Verein Bad Nauheimer Museen